Legowerkstatt Spaß am Bau

Veröffentlicht von Administrator (admin) am 15.02.2009
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        Frankfurter-Rundschau, 07.01.2009, VON PETRA PLUWATSCH 

"Lego-Doktorin" Sandra Barton
"Lego-Doktorin" Sandra Barton in ihrer Essener Werkstatt. (Bild: dpa)

Eigentlich sammelt Sandra Barton Fledermäuse. Eine trägt sie sogar als Tätowierung auf der Haut. Aber Fledermäuse sind nicht ihre größte Leidenschaft. Die gilt den bunten Plastiksteinen, die das dänische Unternehmen Lego in ihrer Urform bereits 1949 auf den Markt brachte, und von denen Sandra Barton rund 600 Kilo in Kisten im Dachzimmer des Einfamilienhauses in Essen-Katernberg aufbewahrt. Ihren Anfang nahm die Lego-Lust, als Bartons Mann Thomas sich für den gemeinsamen Sohn Florian eine Eisenbahn wünschte - eine, die nicht so schnell kaputt geht. Das Paar entschied sich für eine Lego-Bahn. Das war 2003. Heute setzt Sandra Barton in ihrer privaten "Legowerkstatt" für Freunde, Nachbarn und Sammler alte Bausätze zusammen, ordnet Steine und ergänzt, falls möglich, die fehlenden Teile aus den eigenen Beständen

Dafür braucht sie neben ausreichend Material natürlich auch Baupläne und Vorlagen. In ihrem Lego-Zimmer hortet die 38-Jährige zusätzlich zur losen Ware exakt 467 komplette Modelle - Schiffe, Eisenbahnen, Schlösser, Drachen, Dinosaurier, Tankstellen, Flugzeuge, Containerhäfen - sowie acht bis zehn Aktenordner mit Bauplänen aus mehreren Jahrzehnten. "Der Rest", sagt Sandra Barton, "ist auf CDs drauf." Und in der Kladde, in der sie alle Modelle aufgelistet hat, die sie bereits besitzt. Etwa: Bausatz 7110: Star Wars Landspeeder. Bausatz 7313: Life on Mars Red Planet Protect. Bausatz 10 205: Schwarze Lok mit Tender. In der schwarzen Kladde ist das schlichte Modell, das sie ihrem Sohn damals gekauft hat, als Bausatz Nummer 126 aufgelistet. Manche Seiten der Kladde sind noch jungfräulich weiß. "Im 3000er-Bereich müssen noch Lücken geschlossen werden", sagt Sandra Barton - und setzt ihre jüngste Neuerwerbung in Gang: einen nagelneuen Inter- City aus glänzend schwarzen Lego-Teilen.


Barton hat bis zur Geburt ihres Sohnes vor sechs Jahren als medizinisch-technische Präparatorin gearbeitet - seit sechs Jahren ist sie zu Hause. "Von daher", sagt sie, "passt das alles irgendwie." Dinge wieder zusammenzusetzen, das habe sie schließlich gelernt. Bis zu acht Stunden verbringt sie täglich in der Lego-Welt und fügt zusammen, was zusammengehört. Ihr Ziel: "Alle Modelle, die es bis jetzt gibt, nachzubauen." Längst kann sie hunderte von Bauteilen allein anhand ihrer Farbe, der Beschriftung und einer winzigen Ziffer im Inneren dem entsprechenden Bausatz zuordnen. "Sie haben einen Haufen Steine, ich sage Ihnen, welche Modelle Sie drin haben", sagt sie selbstbewusst und will damit keinesfalls prahlen. "Das ist wie Vokabellernen. Irgendwann beherrscht man es."
 

Außerdem spielt sie gerne. Denn zum Spielen, sagt Sandra Barton, sei man schließlich nie zu alt, und zählt alphabetisch auf, welche der mehr als 20 Lego-Welten im Laufe der vergangenen fünf Jahre ihren Weg nach Essen-Katernberg fanden: "Adventure, Badman, Castle, City, Dinosaurier, Egypt, Fabuland, Insulaner... Rock Riders", um "mal nur das Grobe zu nennen". Einzig von den "neuesten Spionage- und Agentensachen" hat sie bislang die Finger gelassen. Denn: Ehe Sandra Barton "was Neues anfängt", will sie "erst einmal die alten Lücken aufforsten".

Und das erweist sich häufig als schwierig genug. Viele der älteren Bausätze sind nicht mehr komplett zu haben, und das Aufspüren der fehlenden Steine kann Monate in Anspruch nehmen. Zwei Jahre hat Sandra Barton nach den Einzelteilen für ein Piratenschiff gesucht, von dem anfangs kaum mehr als der Rumpf vorhanden war. Stolz präsentiert sie es: Ruder, Takelage, alles vorhanden. Von der Grauen Löwenburg besaß sie "nur die Grundsachen", etwa zwei Drittel des Bausatzes fehlten, als sie mit dem Wiederaufbau begann. Den großen Containerhafen hat sie "komplett aus Einzelsteinen" hoch gezogen, und darauf ist sie stolz. Das Modell "Space Police" hingegen wartet bis heute auf seine original grünen Fenster - Sandra Barton wird weiter nach ihnen fahnden. "Ich habe schließlich Zeit."

Im Internet geht sie auf die Suche nach noch fehlenden Bauteilen oder kauft Kiloware auf den Flohmärkten der Umgebung. Zu Hause wird die Materialsammlung dann nach Farbe, Form und Funktion sortiert. In den Regalen im Dachzimmer stehen Kisten und Kästchen mit Hüten und Tannenbäumen, mit Fensterrahmen, Torbögen und winzigen Türen. "Früher haben die Frauen vor dem Fernseher gesessen und gestrickt" - Sandra Barton sortiert stattdessen Lego-Steine.

Seit etwa einem Jahr stellt sie ihr Wissen auch anderen zur Verfügung. Ihre "Legowerkstatt" erfreut sich großer Nachfrage. Sie habe, sagt Barton, offensichtlich eine Nische entdeckt. Kürzlich erst habe ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft drei große Kisten mit Einzelteilen vorbeigebracht, dazu etwa 20 bis 30 Baupläne, nach denen sie die zerlegten Modelle wieder zusammensetzen soll. "Eine Sauarbeit", sie weiß es schon heute - und freut sich darauf.

Aber Sandra Barton will nicht nur im stillen Kämmerlein Steine sortieren und unvollständige Kästen auffüllen. Sie träumt von einem kleinen Lego-Museum mit einem dazugehörigen Event-Bereich. Das ein oder andere ihrer Modelle war bereits auf Ausstellungen zu sehen; gerade hat sie auf der ersten "Essener Spiel- und Sammlerbörse für Lego- und Playmobilfreunde" einen Nachbau der Zeche Zollverein vorgestellt. Warum also nicht weiterdenken? Und irgendwann, sagt Sandra Barton, irgendwann wird sie auch eine Fledermaus aus Legosteinen bauen.
 

Quelle: Frankfurter Rundschau

Zuletzt geändert am: 16.02.2009 um 14:52

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